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Ein Blog über Brustkrebs und Gesundkrankheit


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1. Juni – Einjährige Jubiläen

Am 13. Mai hatte ich mein einjähriges Diagnose-Jubiläum. Bei Bekannten in der Uckermark versuchte ich vergeblich, den Rest der Mannschaft zum Schauen des Eurovision Song Contest zu überreden. Im Jahr davor hatte ich an diesem Tag nach meinen Befund eine „Krebsparty“ veranstaltet.

Damit ist keine meiner Genesungsparty-Versuche wirklich geglückt und ich gebe es hiermit offiziell auf. Immerhin ließ sich mein (beinahe) 15jähriger Sohn von meinem traurigen Anblick allein auf dem Sofa erweichen und setzte sich ritterlich dazu. Etwas, was im Moment nicht gerade seinem Coolness-Status entspricht.

Und so ist der Mai vergangen und beinahe an jedem Tag war irgendetwas „ein Jahr her“.

Ralfs Geburstag – kurz nach der Biopsie – den ich mit meiner schlechten Laune versaut hatte. (Dieses Jahr habe ich mich vorbildlich verhalten.)

Das Liegen im Park kurz danach, als wir uns wie „aus der Zeit gefallen“ fühlten und mir alle anderen Menschen gesund und glücklich erschienen.

Der Freitag, der 13. – als mich die Ärztin gemeinsam mit der Krankenschwester aus dem Wartezimmer abholte. (Inzwischen habe ich sehr viel Zeit in Wartezimmern verbracht.)

Die Paddeltour mit einer Freundin, bei der das Wort „Krebs“ wie eine Wolke über uns lag und wir beide das Thema erst am Ende unseres Treffens ansprachen.

Und meine Haltung im vergangenen Mai – etwas zwischen kämpferisch und trotzig, die mich Sätze sagen ließ wie: „Krebs ist auch nur eine Krankheit!“ Auch wenn das trotzdem stimmt, würde ich heute eher sagen: War ich jung und naiv!

Was so eine Diagnose tatsächlich bedeutet, weiß man erst hinterher und das ist gut so. Wichtig ist nur, dass man durchkommt und der Scheiß-Krebs sich anschließend verkrümelt hat!

Und natürlich die Frage: Was hat sich durch diese Krankheit verändert? Darüber brüte ich noch. Definitiv habe ich aber nicht Gitarre gelernt, bin nicht gesegelt oder auf keinen Berg gestiegen.


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24. April: Krankenhaus-Klappe, die letzte und Tschüssi Port.

Kein Mensch ist gerne im Krankenhaus. Ich hingegen freue mich seltsamerweise jedes Mal fast darauf.

Der Hauptgrund scheint zu sein, dass ich jede Verantwortung abwerfen kann. Denn ich „müsste“ ziemlich viel. Da ist „Super-Mutter“ sein, die sich mutig der Tiefkühlpizza entgegen wirft und täglich frisch und biovegan kocht nur der kleinste Teil davon. Von „krebsfreier Ernährung“ reden wir hier noch gar nicht.

Weiter geht’s: die eigene Webseite aufmöbeln, Englisch lernen, unzählige Sport-Übungen absolvieren, Rechnungen bezahlen, die Steuer … Kann man im Krankenhaus ja leider alles nicht machen.

Auch mag ich dieses reduzierte Leben, bei dem man nur das Notwendigste dabei hat. Bedient werden ist auch nicht übel, wenn man andererseits auch nicht gerade von „Privatsphäre“ reden kann. Wer hier alles zu jeder Zeit in dein Zimmer stürzt… Auch könnte ich mir ein anders Mittag als Truthahn mit Bratensoße und zerkochtem Brokkoli vorstellen.

Fiese Krankheit, die einem ein Jahr unfreiwilligen Rückzug aufdrückt. Was ich trotzdem in diesem Jahr alles getan, gearbeitet und erledigt habe … manches davon hätte ich lassen sollen. Und doch ist das kein Vergleich zu meinem Gedankenkino, wozu ich dieses Jahr alles so „nutzen“ wollte. In meinem Tagebuch den Satz gefunden: „Krebs ist offensichtlich kein Sport-Parcour“. Na immerhin Erkenntnis!

Nun ist seit meiner ersten OP fast ein Jahr vergangen. Endlich raus mit dem Port. Die Bestrahlungsschäden sind äußerlich verschwunden, die Chemo-Nachwirkungen haben sich minimiert, die Haartolle hat fette 3 cm, der Busen sieht nicht mehr aus wie bei Picasso.

Wenn auch der Blick aus dem Fenster (Friedhof) nicht gerade optimistisch stimmt, war dieser letzte Akt ein Befreiungsschlag! Kunststück, dass ich mich bisher nicht freuen konnte – tatsächlich ist das Stück erst jetzt zu Ende! Fühlt sich noch immer nicht an wie Party, aber ist schon um vieles leichter geworden! Ab nächster Woche gehe ich wieder arbeiten. Na schaun wir mal, wie es wird…


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10. April 17 – Frühling und Rehabilitation

20170410_154719Bringen wir es auf den Punkt: Der Winter war Scheiße! Obwohl sich der Behandlungsmarathon dem Ende näherte, konnte ich mich kaum freuen.

Stattdessen: Hadern mit der Chemo und deren Folgen, Schlafstörungen bis hin zur Depression. Die Auflösung meiner GbR, Krankenkassengezicke und Zahlungsunlust von Kunden haben das nächtliche Stimmungsbild nicht gerade aufgehellt.

Nun also die vorletzte Episode: eine sportbetonte Reha an der Ostsee. Leider ist das keine individuelle Maßnahme, sondern eher ein Betriebsausflug für Faule mit Sportdefizit. Trotzdem haben mich Venengymnastik, Schwimmen und unendliche Treppen der normalen Existenz wieder näher gebracht.

UND: Es ist Frühling! Die Kombination von Sonne und leeren Stränden war mir bisher unbekannt und ist einfach unbeschreiblich.
UND: Andere Menschen und andere Jobs haben sich im letzten Jahr als uneingeschränkt verlässlich erwiesen. Das hat mich durch die letzten Meter getragen!

Deshalb jetzt und hier: DANKE an euch! Für eure Nachfragen, unzählige Kaffee-Einladungen, Post-OP-Massagen, Job-Aufheben, Krankenhaus-Besuche, geborgte Bücher, Kopfrasuren, sehr viele Blumen, Schlechte-Laune-Ertragen, Spaziergänge mit und ohne Hund, Urlaubskarten, spontane Putzangebote, Königsberger-Klopse, Befragungen von Fachkolleginnen, Tüten-Schleppen, Himbeer-Marmelade, Serien-Empfehlungen und sehr viele Ohren! Ihr seid super!


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04. Februar 17 – Wie funktioniert die Strahlentherapie?

Man lässt ein Einrichtungs-CT über sich ergehen, mit einem Kinderfilzi bunt anmalen, lege sich in einen kalten Raum auf eine ungemütliche Liege und schon ist man bereit für die Strahlung. In diesem Falle Photonen, die mit ihrer stark beschleunigten Energie die Zellen schädigen. Sinnlos zu erwähnen, dass dabei auch gesunde Zellen… Aber wie immer: Sie regenerieren sich besser als die Krebszellen – das ist offensichtlich der einzige Wirkungsmechanismus aller Krebstherapien.

Desto länger ich mich von der Medizin „heilen“ lasse, desto fataler erscheinen mir diese Therapien. Ich kämpfe noch mit den Folgen der Chemo (kein Wunder, die begleitenden Medikamente wurden abgesetzt) und gewöhne mich langsam an den Gedanken, dass manche davon treue Wegbegleiter bleiben. Dazu gehören Gelenkschmerzen, taube Fußsohlen, steife Finger und beim Aufstehen das sportliche Gangbild einer 80jährigen.

Ich glaube gar nicht, dass es in meinem Fall mit befallenen Lymphknoten viele Alternativen gab. Aber hätte ich „nur“ ein kleines Karzinom, würde ich mir gut überlegen, ob ich eine Chemotherapie machen würde. Denn es bleibt ein Fakt, dass von 2000 Frauen, die ein Screening machen, zwar eine vor dem Tod gerettet wird, aber auch zehn völlig unnötig behandelt werden. Kurz: Ob Chemo und Bestrahlung wirken, ist nicht einmal sicher. Das macht diese ganze Thematik so schwer verdaulich.

Aber meine Beschwerden und Zipperlein relativieren sich, wenn ich im Wartezimmer der Strahlentherapie Patienten treffe, die dort mit Kopfbedeckung, Mundschutz und Sonnenbrille im Rollstuhl sitzen,  abgeriegelt gegen die Keime der Außenwelt. Ich erschrecke, als ich aus der Kabine komme und bekomme ein ganz normales „Guten Morgen“ wieder. Wenn man gesund ist, scheint es, als würden die Kranken in einem anderen Land leben. Dabei ist es nur kurz über den Flur.

Und sonst? Ich habe noch eine Woche Strahlentherapie. Abgesehen von 10 Jahren Anti-Hormon-Therapie und gefühlten 10.000 Nachuntersuchungen bin ich dann durch. Im Moment fühlt sich dieser Gedanke noch leer an. Aber ich glaube, Anfang Februar fällt es einem generell schwer, sich ausgelassen zu freuen. Warten wir mal ab… etwas, was ich in 9 Monaten gelernt haben sollte.


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06. Januar 2017 – Und wie geht’s nach der Chemo?

Schlechter als erwartet. Aber das hängt wohl mit der Erwartung zusammen. Offensichtlich hat mein innerer Filter nur Meldungen wie „Haare wachsen wir verrückt“, Nebenwirkungen sind „relativ bald (…) vorbei“ (krebsinformationsdienst) zugelassen. Pustekuchen!

Einige Nervigkeiten wie Nasenbluten oder Übelkeit sind verschwunden, dafür kamen neue hinzu, wie Wasser in den Beinen, Gliederschmerzen… Dazu kam, dass das Weihnachtsfest das wohl langweiligste meines Lebens war. Scheinbar ALLE waren verreist (einschließlich Freund und Kind) und ich saß mit meiner Mutter allein unterm Tannenbaum. Und der Silvester-Ausflug in die Schweiz war dann in Sachen „Energie“ zu viel des Guten.

Hatte ich mich „schönheitsmäßig“ gerade auf Tuch  und Schminke eingegroovt, sagten jetzt die letzten Wimpern Adé. Stattdessen ließ eine Bindehautentzündung die Augenlider anschwellen, seltsame Gesichts-Pickel traten zum Vorschein. Das alles kombiniert mit einer Rückenblockade und Knieschmerzen – und die letzten Tage des Jahres 2016 waren perfekt.

Meinen Mitreisenden M. und dem Sohn ging es nicht besser: M. teilte sich freundschaftlich eine Erkältung mit mir, mein Sohn entschied sich statt Snowboard-Kurs für eine Unterarm-Fraktur. Zum Glück hat meine Halbschwester eine Arztpraxis im Ort, so dass wir ihre Dienste und die Apotheke beinahe täglich in Anspruch nahmen.

Natürlich gab es auch Ausgleich: die hohen, gelassenen Schweizer Berge, das schöne Engadiner Bergdorf, einen Silvester-Gottesdienst mit einem wunderbaren romanischen Männerchor und ein phänomenales Feuerwerk um Mitternacht.

Nun also wieder zu Hause und im neuen Jahr! Vier Wochen sind seit der letzten Chemo vergangen und ich habe das Gefühl, es geht aufwärts! Schade nur, dass nächste Woche die Bestrahlung beginnt.. Aber wat soll man machen? Wird schon!


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Sonntag, 27.11. Die vorletzte Chemotherapie

eichhornDie vorletzte Chemo. Nein – die Zeit ist nicht wie im Flug vergangen. Die letzten vier Mal, drei Mal, zwei Mal … das  sind ja keine „Male“ sondern Wochen, in denen es nicht gerade aufwärts geht.

Ich fühle mich vergiftet, leider fehlt das Aussehen Schneewittchens. Meine Mundwinkel scheinen abwärts festgetackert, die Stirnfalte manifestiert sich, die meiste Zeit verbringe ich allein.

Letzte Woche war Kurzfilmfestival, für das  ich sonst arbeite. Ich kann mich nicht so vielen Leuten aussetzen, die mich fragen, wie es mir geht. Nicht zu fragen, wäre auch bekloppt. Da gibt es keine elegante Lösung, außer zu Hause zu bleiben.

Nur als Mutter bemühe ich mich noch schlapp, zu funktionieren. Was leider nicht klappt! Mein Sohn ist zu einem Internetjunkie geworden…  Wir kämpfen um Internetzeiten und –zugänge.

Auch keine gute Idee: andere Krebsblogs lesen. Wie genau soll das aufmuntern? Sie sind eine Antenne zur Welt, wenn man auf sich selbst zurück geworfen ist. Aber sie sind und bleiben Selbstzweck, die einem im besten Falle über schlechte Zeiten helfen.

Da ich seit meinem 13. Lebensjahr Tagebuch schreibe, führe ich sehr gern Auseinandersetzungen mit mir zu diesem Thema. Denn mir ist völlig unklar, was ich mit diesen emotionalen Ausstößen tun soll. Will ich sie wirklich jemandem hinterlassen? Oh Gott! Das reale Leben bilden sie nicht ab, vielmehr sind sie eine verzehrte Version der Ereignisse, da die Schreibende meist in Extremsituationen oder alkoholgeschwängerten Phasen zum Schreiben neigt. Wahrscheinlich wird es mit Wegschmeißen enden, etwas was ich ja gerne mache.

Was also tun? Ich raffe mich auf und latsche unambitioniert im Prenzlauer Berg herum. Und genieße dabei den EINEN Vorteil, den ich gerade habe. Dass ich nix muss! Weder blöde grinsen, noch ambitioniert joggen! Ich lasse mich einfach hängen!

Später – ich habe es bis in den Friedrichshain geschafft – fotografiere ich ein Eichhörnchen, das beim Auf-mich-zu- hoppeln irgendwie vergisst zu stoppen. Ist das zahm oder hat es Tollwut? Als alte Kriegsfotografin halte ich trotzdem auf den Auslöser.

Eine Freundin mit Hund kann man auch spontan anfunken. Wir sprechen über Ambitionen und wie blöde es ist, dass ich sogar beim Kranksein immer noch versuche, etwas Ambitioniertes unterzubringen. Kein Cafébesuch ohne bildende Lektüre, kein Spaziergang ohne Sportgedanken oder etwas einzukaufen usw. Das Leben macht erst Sinn, wenn ich dabei noch etwas erledigen kann. Da sie gerade eine Woche krank darniederlag, empfiehlt sie mir „Zoo TV“ – die Daily Soaps aus den Tierparks. Das probiere ich mal aus…


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20.11. „Krebs eine Biografie“ Teil 2

mukherjee_dumontIch will nicht verheimlichen, wie das Buch „Krebs – eine Biografie“ ausgeht… Murkherjee arbeitet offensichtlich in der Zellforschung – was das Buch auf den letzten 100 Seiten nicht gerade zu einem ‚Pageturner‘ macht.

Die menschlichen Zellen wurden also erforscht, die DNA entschlüsselt und die molekularen Defekte von Krebs verstanden. Aus diesem Grund wurden einige neue Medikamente entdeckt. Wie zum Beispiel Tamoxifen, das die Östrogen-Zufuhr bei Brustkrebs verhindert oder Herceptin, das bei einer Her2 Überexpression – Proteine, die bei Brustkrebs für das Zellwachstum verantwortlich sind – blockiert.

Doch trotz aller Fortschritte: Im Wesentlichen bleibt es bei den zwei Therapieformen: Operation und anschließender Chemo-Therapie.

Die wichtigste Erkenntnis der letzten Jahrzehnte ist wohl: Jede Krebsart ist anders und jeder Mensch hat einen individuellen Krebs. Das macht die Erforschung und Behandlung so schwierig! Eine „endgültige universale Heilung“ ist nicht in Sicht (Murkherjee). Was noch aussteht, ist die Identifizierung der auschlaggebenden Mutationen bei den einzelnen Krebsarten. Danach kann die Suche nach den geeigneten Therapien beginnen, die sich gezielt gegen diese Gene richten.

Murkherjee ist aber auch praktizierender Arzt und sah im Laufe seiner Arbeit viele Patienten sterben. Vielleicht klingt auch aus diesem Grund sein Buch am Ende so pessimistisch. „Krebs ist in unser Genom eingewoben, er ist die Endstation unserer Entwicklung als Organismus“. so Murkherjee. (Denn sonst wären wir unsterblich.) Damit ist „Krebs … unsere Normalität – das ist unausweichlich. Es ist nicht die Frage, ob wir dieser unsterblichen Krankheit begegnen, sondern wann.“

Also: Auch wenn wir durch die Erforschung der Ursachen, durch die Früherkennung und geeignete Therapiemaßnahmen den Krebs in frühen Jahren aufhalten können, werden wir nicht verhindern, im Alter an (oder mit) Krebs zu sterben.

Dass Murkherjee die letzte Protagonistin seines Buches allerdings als Sinnbild im Kampf gegen Krebs sterben lässt, finde ich schlichtweg fies. Seine Aussage, dass man, um mit dieser Krankheit Schritt halten zu können, ständig neue Strategien erfinden, lernen, anwenden und andere wieder verwerfen muss …  um am Ende was? Zu sterben? Na vielen Dank für 600 Seiten Lesevergnügen! Vielleicht bin ich es bei amerikanischen Büchern auch nur gewohnt, dass sie positiv ausgehen. Trotzdem: Kleiner Blick ins Impressum: Das Buch ist von 2010. Da kann ich bestimmt noch mal recherchieren, was sich in letzter Zeit noch so getan hat…

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